Förderung emotionaler und sozialer Kompetenz

Emotionale Kompetenz

Emotionale Kompetenz ist der intelligente Umgang mit den eigenen Gefühlen. Soziale Kompetenz bezieht die Gefühle anderer mit ein.

Beim EQ geht es weder ein impulsives Ausleben und Hochschaukeln von Emotionen, noch um ein Verdrängen der Gefühle. Vielmehr handelt es sich um Fähigkeiten, die erfahren, erlernt und trainiert werden müssen. Eine grundlegende Dimension ist die emotionale Wärme. Frau Prof. Tschöpe-Scheffler bezeichnet sie in ihrem Buch „Fünf Säulen der Erziehung” als wahrnehmende Liebe im Gegensatz zu einer vereinnahmenden, blinden, überfürsorglichen Liebe. Sie beschreibt Äußerungen der emotionalen Wärme so: „Gefühle werden gezeigt und sind zärtlich, innig, fürsorglich, mitleidend, mitsorgend, herzlich, gütig, einfühlsam. Sie können sich äußern durch Körperkontakt, Lächeln, eine zugewandte Haltung, Blickkontakt und Trost. Kinder, die emotionale Wärme erfahren, fühlen sich geborgen, entwickeln Urvertrauen, können sich selbst annehmen und sind fähig, wahrnehmende Liebe anderen zu vermitteln. Eine wunderbare, das Leben allseitig bereichernde Fähigkeit, in der eine hohe soziale Kraft innewohnt.” Aus der Fülle der Emotionen seien nachfolgend einige hervorgehoben, die im pädagogischen Alltag bedeutsam sind.

Empfindsamkeit

Säuglinge haben ein natürliches Empfinden, was ihnen angenehm oder unangenehm ist, und entsprechend reagieren sie. Diese naturgegebene Empfindsamkeit ist störanfällig und kann allmählich verloren gehen, wenn Kinder sich um Zuwendung bemühen müssen. Die Erwartungshaltung von Bezugspersonen, „brav” Händchen und Küsschen zu geben und zu empfangen, wann immer es den Erwachsenen passt, sowie die Tabuisierung von bestimmten Gefühlen, entsprechend der jeweiligen Familiennorm, kann verheerende Folgen zeitigen. In der BRD geht man von jährlich vierhunderttausend sexuellen Misshandlungen an Kindern aus.

Bei einem von klein auf an respektvollerem Umgang mit Kindern behalten diese die Fähigkeit, Unmut und Ekel zu äußern und können lernen, Übergriffe abzulehnen, sich zu wehren und sich Hilfe zu holen. Diese Stärkung des Selbstbewusstseins und Anleitung im Sich-Abgrenzen sollten Kinder so früh wie möglich, spätestens mit dem Laufen lernen, erhalten.

Starke Gefühle

Auch für den Umgang mit Angst sind bewusste Überlegungen erforderlich. Angst, von Natur aus ein wichtiger Schutzmechanismus, wird durch Übertreibung zum Störfaktor. So sind überbesorgte Mütter ein schlechtes Modell für realistische Einschätzungen und mutige Aktivitäten. Sie fördern bei ihren Kindern entweder ängstliches – oder aus Protest – riskantes Verhalten. Zeigen Kinder jedoch ein ungewöhnliches ängstliches Verhalten, das entwicklungsbedingt nicht erklärbar ist, so ist es wichtig, diesem einfühlsam auf die Spur zu kommen. Die Vorraussetzung dafür ist ein vertrauensvolles Verhältnis zu einer Bezugsperson, sodass das Kind sich ihr anvertrauen kann. Gegebenenfalls ist professionelle Hilfe erforderlich.

Etwas anderes ist der Umgang mit Frust, Trotz und Wut, aber auch mit Schmerz und Euphorie. Die Psychohygiene und das Leben in einer Gemeinschaft, machen es erforderlich, dass Menschen ihre Gefühle steuern können, sich weder in Gefühle hineinsteigern und diese impulsiv (d.h. einem blinden Impuls folgend!) ausleben, noch sie ins Unbewusste verdrängen.

Die emotionale Kompetenz zeichnet sich aus durch eine situationsangemessene, souveräne Steuerung der eigenen Gefühle. Erziehungsziel ist es, durch vielfältige Übungen und Erfahrungen den bewussten Umgang mit Emotionen zu entwickeln, was schließlich spontanes, kreatives Verhalten ermöglicht. Bereits im frühen Kleinkindalter werden Eltern/Erzieher herausgefordert, pädagogisch sinnvoll mit ausbrechenden Trotz- und Wutgefühlen umzugehen, bzw. diesen vorzubeugen. So können z. B. Kinder, bevor Trotz und Wut eskalieren, mit Freundlichkeit und Festigkeit gebeten werden, sich auf ihrem Zimmer zu beruhigen, bis sie sich wieder besser fühlen. Was ihnen hilft, sich zu beruhigen und sich gut zu fühlen, kann mit ihnen bei anderer Gelegenheit in entspannter Atmosphäre erarbeitet werden (Jane Nelsen). Unverzichtbar für den Umgang mit Gefühlen ist das sogenannte aktive, d.h. einfühlsames Zuhören, bei dem, zunächst in Form einer Vermutung, die Gefühle und Gedanken des Kindes angesprochen und respektiert werden. In weiteren Schritten wird ein sinnvoller Umgang mit der Situation erarbeitet. Sie werden weiter unten erläutert.

Die weit verbreitete Behauptung, „Kinder sind grausam” stammt aus der autoritären Gesellschaft, als die Kinder durch die gängigen Erziehungsmethoden körperliche und emotionale Gewalt, sowie Missachtung erfuhren, was sie an ihresgleichen weitergaben und an Tieren ausagierten. Tatsächlich kann man bereits bei sehr kleinen Kinder einfühlsames und liebevolles Verhalten beobachten. Wenn Kinder heutzutage andere Kinder auslachen, hänseln und misshandeln, so liegt die Befürchtung nahe, dass sie selbst entsprechende Behandlung erfahren, wenig Wertschätzung und Ermutigung erhalten und nicht zum einfühlsamem Umgang mit anderen angeregt wurden. Gerade junge Kinder sind zu empathischem Verhalten fähig und bis ins Jugendalter für ethische Werte aufgeschlossen. Gleichermaßen sollten sie ermutigt und angeleitet werden Zivilcourage zu üben, besonders, da es bisher kaum Vorbilder gibt.

Frustrationstoleranz

Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Entwicklung von Frustrationstoleranz. Wie wenig Kinder heute über diese Fähigkeit verfügen, wird in erschreckendem Maße deutlich an der Verbreitung von krankhaftem Übergewicht und Drogenkonsum. Nach statistischen Erhebungen sind über 60 % der jungen Bundeswehr-Rekruten „drogeninfiziert”, raucht bereits jeder zweite 16-jährige Schüler und jedes 5. Schulkind leidet an Übergewicht, Esssucht und deren Folgen (Gesundheitsschäden, mangelhafte Sportlichkeit, Hänseleien, Isolation). Süchtige Kinder und Jugendliche haben „gelernt” Enttäuschungen, Ärger, Kummer und Langeweile durch Essen oder Drogenkonsum zu verdrängen, statt kreative Lösungen anzustreben. Die Fähigkeit, intelligent mit Gefühlen und Wünschen umzugehen, macht Kinder dagegen stark gegenüber den Verlockungen von Drogen und anderen Scheinbefriedigungen. Zu den Ersatzbefriedigungen, den angeblichen „Bedürfnissen” der Kinder gehören auch der weit verbreitete unkontrollierte Fernsehkonsum, sowie ausgedehnte Computerspiele, die den Kindern ein Erwachsensein vorgaukeln und ihnen kostbare Zeit der eigenständigen, kreativen Beschäftigung, des kommunikativen Umgangs mit anderen und der notwenigen körperlichen Bewegung zur gesunden, ganzheitlichen Reifung rauben. Eine mangelhaft ausgebildete Frustrationstoleranz ist in besonderem Maße ein Intelligenzhemmer. Nach Goleman trägt „die Fähigkeit, eine Gratifikation aufzuschieben, unabhängig vom IQ, erheblich zur intellektuellen Leistungsfähigkeit bei”.

Soziale Kompetenz

Ebenfalls intelligenzhemmend ist die Nichtbeachtung der in einer Gemeinschaft gültigen Regeln und das rücksichtslose Ausleben eigener Bedürfnisse.

Die Bedeutung der sozialen Kompetenz kann nicht hoch genug geschätzt werden.

Noch immer befindet sich die Menschheit sozial teilweise auf der Entwicklungsstufe des Neandertalers, auf der Menschen Konflikte mit brutaler Gewalt austrugen. Ein einfühlsames Miteinander-Reden als normale Umgangsform in Gemeinschaften praktiziert, würde die Familienatmosphäre harmonisieren und Paarbeziehungen stabilisieren, statt zu Zwistigkeiten oder feindseliger Trennung führen. Kooperatives miteinander Umgehen würde darüber hinaus die wirtschaftliche Effizienz lokal und global erhöhen und Kriege überflüssig machen. Nach Jahrtausenden der Entwicklung der verstandesmäßigen Intelligenz ist die Zeit überreif zur planmäßigen Entwicklung der emotionalen und sozialen Intelligenz.

Soziale Kompetenz ist kein Rätsel mit sieben Siegeln, das Experten vorbehalten ist, sondern eine Fähigkeit, die jeder erlernen kann und die für jeden lohnend ist, weil sie die Beziehungen im privaten, beruflichen und politischen Bereich wesentlich verbessert (Goleman, Nelsen, Schwäbisch/Siems.). Der IQ ist nur mit 20 – 30 % für den Berufs- und Lebenserfolg bedeutsam! Ein hoher EQ dagegen schafft eine fundierte Erfolgsgrundlage. Nach Henry Ford lautet das Erfolgsrezept: “Wenn es ein Geheimnis des Erfolges gibt, so ist es das: Den Standpunkt des anderen zu verstehen und die Dinge mit seinen Augen zu sehen.“ Kooperation, in der Kindheit in Familie, Kindergarten und Schule geübt, wird allmählich in das Verhaltensrepertoire der Gesellschaft eingehen und diese in eine gelebte Demokratie umwandeln. Die dazu notwendigen Fähigkeiten sollten als erstrangiges Anliegen trainiert und nicht als Lückenbüßer auf Restzeiten verschoben werden. Dazu ein konkretes Beispiel über den Umgang mit Konflikten aus dem pädagogischen Alltag:

Vier Schritte der Kooperation

Jane Nelsen gibt vier Schritte der Kooperation an, die nur in der richtigen Reihenfolge erfolgreich sind. Im Unterschied zu den veralteten Strategien, nämlich bei Konflikten zu schweigen, sich zu empören oder zu belehren, betont sie die Bedeutung der freundlichen und ehrlichen Anteilnahme. (a.a.O. S.95, hier verkürzt):

„1. Bringen Sie zum Ausdruck, dass Sie sich vorstellen können, wie dem Kind zumute ist. Vergewissern Sie sich mit ihm zusammen, ob Sie richtig vermutet haben.

2. Zeigen Sie dem Kind Verständnis. Zeigen Sie, dass Sie seinen Standpunkt verstehen können.

3. Bringen Sie Ihre eigenen Gefühle und Ihren Standpunkt zum Ausdruck.

4. Fragen Sie das Kind, ob es willens ist, mit Ihnen zusammen eine Lösung zu erarbeiten. Fragen Sie, ob es einen Vorschlag hat, suchen Sie sein Einverständnis.”

Wenn Sie in einer Problemsituation (einer gemeinsamen oder einer ihres Kindes, ihres Partners) diese Strategie anwenden, werden Sie erstaunt über die Wirkung sein. Anstelle von Missverständnissen, Streit oder einer Eskalation, werden sich die Wogen glätten und eine Atmosphäre entstehen, die ein Lösen des Problems ermöglicht. Dieser Erfolg wird Ihnen helfen, sich in Krisen wie ein umsichtiger Steuermann zu verhalten und ihre pädagogische Kompetenz zu genießen, statt sich in eigene Emotionen oder Rechthaberei hinein zu steigern. Soziale Kompetenz wird ihr Selbstbewusstsein stärken, wenn Sie Ihren verständnisvollen Umgang mit den Kindern, dem Partner und generell in Ihrem Alltag als eine bedeutende Leistung bewerten.

Der  Familienrat ist eine ebenfalls eine ausgezeichnete Chance, das Familienklima zu verbessern, emotionale Intelligenz zu fördern, Verständnis für den anderen zu gewinnen, Kooperation zu erreichen, Pflichten zu verteilen, verbindliche Absprachen zu treffen und Spaß miteinander zu haben.