Der methodische Ansatz des Erziehungskonzeptes nach Alfred Adler und Rudolf Dreikurs

Im Mittelpunkt einer freundlichen, partnerschaftlichen Methode steht der gegenseitige Respekt.

Allen Ihren Entscheidungen und Verhaltensweisen können Sie diesen Gradmesser anlegen und sich fragen: „Bin ich dem Kinde gegenüber respektvoll, indem ich seine Bedürfnisse und Fähigkeiten beachte, es weder über- noch unterfordere, es nicht degradiere, nicht überbehüte, sondern ihm und seinen Fähigkeiten vertraue?” Und „bin ich mir gegenüber respektvoll, indem ich mit freundlicher Bestimmtheit auf die Einhaltung von Grenzen und Vereinbarungen achte, und auch meine berechtigten Anliegen Berücksichtigung finden, selbst wenn pädagogisches Handeln manche persönliche Einschränkung erfordert?”

Wenn Sie sich fragen, ob Sie den Wünschen der Kinder nachgeben müssen, weil es ja deren Bedürfnisse sein könnten, so hilft Ihnen ein Vergleich mit der Ernährung. Dem Verlangen der Kinder nach viel Süßigkeiten werden Sie nicht nachgeben, um ihre Gesundheit nicht zu gefährden. Ebenso wenig wie viel Süßes, bekommt es den Kindern, wenn wir sie verwöhnen, indem wir ihnen Dinge abnehmen, die sie selbst tun können.

Die Kenntnis der sozialen Grundbedürfnisse und der sogenannten „irrigen Nahziele” der Kinder, sowie eine Befähigung im Umgang mit gewaltfreien Methoden ermöglicht einen respektvollen Umgang mit Kindern auch in kritischen Situationen.

Soziale Grundbedürfnisse

Als soziales Wesen und hat der Mensch soziale Grundbedürfnisse.

Die Erfüllung der sozialen Grundbedürfnisse in der Kindheit ist lebensnotwendig und unabdingbar zur Identitätsfindung und zur Gemeinschaftsfähigkeit.

Jedes Grundbedürfnis beinhaltet einen individuellen und einen sozialen Aspekt. Das Kind aber auch der Erwachsene benötigt das Gefühl und die Erfahrung

Die vier sozialen Grundbedürfnisse:

  1. Dazugehören und sich geliebt fühlen; (Ich bin liebenswert und ein Teil der Gemeinschaft.)
  2. Fähig und wirkmächtig sein, Einfluss nehmen können, Bedeutung haben, für andere wichtig sein; (Ich kann was und kann dazulernen. Auf meinen Beitrag kommt es an.)
  3. Respektiert und fair behandelt werden; (Ich verdiene Respekt und faire Behandlung.)
  4. Sich sicher fühlen, Mut zum Wagnis haben. (Statt Angst vor Misserfolgen, bin ich mutig. Mit dem, was kommt, werde ich fertig. Ich kann mir Hilfe holen.)

Wenn Kinder nicht spüren, dass ihre sozialen Grundbedürfnisse erfüllt werden, versuchen sie mit ungeeigneten Mitteln, ihre Ziele zu erreichen. Das sind ebenfalls vier, die sogenannten „Irrigen Nahziele”.

„Irrige Nahziele” (Missverstandene Ziele):

  1. Unangemessene Aufmerksamkeit fordern oder Bedienung verlangen, um Zuwendung zu bekommen;
  2. Macht und Überlegenheit anstreben, bzw. keine Macht über sich dulden, um sich bedeutungsvoll zu fühlen, z.B. durch Angeben, Trotzen, Lügen;
  3. Rache planen, Vergeltung suchen. Rachegedanken entstehen, wenn Menschen sich gekränkt und ungerecht behandelt fühlen. Ihr Selbstwertgefühl ist verletzt. Sie entwickeln Hass, wollen sich rächen und andere ebenfalls verletzen. Sie sind misstrauisch und feindselig, um sich vor weiteren Kränkungen zu schützen.
  4. Rückzug, Unfähigkeit zur Schau stellen, um sich Enttäuschungen zu ersparen, etwas nicht zu können und sich minderwertig zu fühlen.

Es gibt Schlüssel, die "irrigen Nahziele" der Kinder zu erkennen und ganz bestimmte Verhaltensweisen, wie Sie angemessen auf das jeweilig angestrebte Ziel reagieren können. Nutzlos und aufreibend ist es, sich in impulsiv auftauchende Gefühle wie Ärger, Bedrohung, Wut oder Enttäuschung über das Kind hineinzusteigern. Fehlverhalten eines Kindes ist immer Ausdruck eines unbefriedigten Grundbedürfnisses, kann auf kindlichen Fehlinterpretationen beruhen, ist in der Regel jedoch die Folge einer respektlosen Behandlung durch die Bezugspersonen.

Bei unerwünschtem Verhalten des Kindes gilt es zunächst eine pädagogische Haltung zu gewinnen und sich auf die Bedürfnisse des Kindes zu besinnen. Die grundsätzlichen Hilfen sind Wertschätzung, Verständnis entgegenbringen, Ermutigung und Miteinbeziehung. Die geeigneten Methoden sind jedoch sehr unterschiedlich und müssen auf das jeweilige Fehlverhalten bezogen werden. Wie das funktioniert, finden Sie bei Kess-erziehen, Nelsen, Dreikurs u.a. Auch das einfühlsame Zuhören hilft Ihnen weiter (siehe Emotionale Intelligenz).

Wenn Ihnen die Zusammenhänge zwischen Handlungsmotiven und unerwünschtem Verhalten klar geworden sind, werden Sie mit Erstaunen feststellen, welche Bedeutung die sozialen Grundbedürfnisse auch für Erwachsene haben und wie diese, im Falle der Nichterfüllung, ebenfalls irrtümliche Ziele anstreben. Auf einmal entdecken Sie an sich selbst ähnliche Verhaltensmuster, dass Sie z. B. im Falle einer vermeintlichen Kränkung, die Person zurückverletzen wollen, nach dem Motto „wie du mir, so ich dir”. Oder Sie können gekränkte Eitelkeit und Hass im Bekanntenkreis verstehen. Plötzlich wird ihnen das Verhalten von irrational handelnden machtgierigen Politikern oder gar Despoten klar, wenn sie erfahren, wie diese in ihrer Kindheit degradiert, verkannt oder misshandelt worden sind.

Diese Erkenntnisse machen deutlich, wie sehr es auf den richtigen Umgang mit Kindern ankommt, ja, das verletzender Streit und Kriege überflüssig werden, wenn die Menschheit es lernt, Kinder respektvoll zu behandeln.

Geschwisterposition des Kindes

Ob das Kind Einzelkind, erstgeborenes, mittleres oder jüngstes Kind ist, hat, neben seiner individuellen Veranlagung, einen großen Einfluss auf das, was das Kind in seiner Position für erstrebenswert hält. So wird z.B. das Zweitgeborene eine andere „Karriere” anstreben als das Erstgeborene, wenn dieses viel Anerkennung für seine intellektuellen Leistungen, Fleiß, Ordnung und Sauberkeit erhält. Da das zweite Kind ja zunächst alles weniger gut kann, tritt es nicht in Konkurrenz zum Geschwister, um nicht entmutigt zu werden. Vielleicht wird es handwerkliches Geschick entwickeln, wenn es dafür Zuwendung erhält. Wird das Ältere von den Eltern ihm in punkto Ordnung, Fleiß und Sauberkeit als Vorbild hingestellt, so ist das meistens kein Anreiz für das Jüngere, wirkt vielmehr entmutigend, doch nie so perfekt werden zu können, so dass dem Kinde Mühegabe zwecklos erscheint.

Natürlich gibt es vielfältige Variationen bei Geschwistern, denn Kinder sind Individuen und Eltern auch mit ihrer eigenen Sozialisation, ihrem Lebensstil, ihren Zielen für das jeweilige Kind und ihren Reaktionen auf dessen biologische Ausstattung, seine Gesundheit und das kindliche Verhalten.

Ermutigung

Wie Pflanzen Wasser zum Gedeihen benötigen, so brauchen Kinder Ermutigung.

Wohl besitzen Kinder von Geburt an die Fähigkeit, sich selbst zu ermutigen für jede Fertigkeit, die sie entwickeln und für jeden Erfolg, den sie aus eigener Kraft erreichen (Pikler). Bedauerlicher Weise stören wir dieses harmonische Reifen schon sehr früh, indem wir die Selbständigkeitsbestrebungen oft unnötig unterbinden, weil wir nicht auf die Lernprozesse der Kinder achten, alles viel schneller erledigen können oder die Entwicklung beschleunigen wollen z.B. beim Laufen lernen, der Sauberkeitserziehung und anderes mehr. Oder wir haben das Kleinkind daran gewöhnt, dass es Zuwendung bekommt, wenn es unserem Amüsement dient. Damit halten wir das Kind unselbständig und machen es abhängig von uns, so dass es auf unsere Ermutigung angewiesen ist.

Grenzen setzen und einhalten

Grenzen machen ein friedliches Zusammenleben in einer Gemeinschaft möglich. Sie setzen den Rahmen und geben Sicherheit. Tiere, die instinktgesteuert sind, „wissen” vieles automatisch, was ihnen selbst bekömmlich ist. Je höher die Spezies entwickelt ist, desto mehr Unterweisung durch ihre Eltern benötigen die heranwachsenden Jungtiere. Tiereltern setzen dem Neugierverhalten, dem Spieltrieb und der Bequemlichkeit des Nachwuchses Grenzen, wenn es seine Sicherheit, seinen Fortschritt und das elterliche Ruhebedürfnis erfordern.

Der Mensch ist nur geringfügig instinktgesteuert und hat viele Freiheiten, die er jedoch lernen muss, richtig zu nutzen. Erstaunlicher Weise verfügt der Säugling zunächst über weit größere Fähigkeiten, sich selbst zu steuern, als Erwachsene ihm bisher zugetraut haben. Obwohl Babys intensiv mit der Beobachtung und Steuerung der inneren Vorgänge und der Erkundung und Eroberung der Umgebung beschäftigt sind, so sind sie dennoch von Anbeginn an zu Anpassungsleistungen in der Lage.

Schon der Säugling kann lernen, auf das Gestillt werden ein wenig zu warten, wenn ihm das in freundlicher, zusichernder Weise mitgeteilt wird und er Erfahrungen der Verlässlichkeit gemacht hat. Der Bewegungs- und Forschungsdrang der Kleinkinder macht es erforderlich, ihnen eine geeignete Umgebung zur Verfügung zu stellen und diese zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz anderer zu begrenzen. Mit zunehmendem Alter und dem Entwicklungsstand der Kinder entsprechend, sind Angebote und Freiräume zu erweitern.

Es ist die Aufgabe der Erziehungsberechteten, abzuwägen, was für Kinder gut und erforderlich ist, was ihnen altersgemäß zuzumuten ist und welche Regeln wie zu übermitteln, bzw. später gemeinsam zu erarbeiten sind.

Daraus ergeben sich wichtige Fragen:

Was ist für das Kind bekömmlich und was ist notwendig, damit es das Leben meistern kann?
Was ist erforderlich, damit das Kind in der Gemeinschaft zurecht kommt?
Welche Leitlinien sind sinnvoll?
Wie werden Regeln und Grenzen vermittelt und eingehalten?

Was dem Körper, dem Geist und der Seele von Kindern bekömmlich ist, dieses Wissen müssen Eltern, Erzieher und Lehrer sich aneignen, um ihren pflegerischen und Bildungsaufgaben gerecht zu werden. Kenntnisse über Gesundheit, Krankheit, Ernährungsbedarf und Leistungsfähigkeit sind wichtig, um Kinder weder zu unterfordern, noch zu überfordern, noch ihnen Schaden zuzufügen, sondern ihnen altersentsprechend die richtige „Kost” anzubieten.

Ohne Gemeinschaft ist der Mensch nicht lebensfähig, weswegen sein Verhalten von Anbeginn an auf andere Menschen hin ausgerichtet ist, um deren Zuwendung zu erhalten. Er muss jedoch schon früh lernen, dass er nicht das einzige Wesen ist, das Bedürfnisse hat, sondern dass andere Menschen auch Bedürfnisse haben, sodass diese aufeinander abzustimmen sind und man auf einander Rücksicht nehmen muss, damit es allen gut geht.

Doch welche Leitlinien und Grenzen sind erforderlich? In der autoritären Gesellschaft war das einfach. Die Autoritäten legten die Richtlinien fest und sorgten mit Druck und Strafen für deren Einhaltung. Die antiautoritäre Bewegung verzichtete auf Grenzsetzung und landete im Chaos. In der demokratischen Gesellschaft müssen die Grenzen flexibel gehandhabt und den Umständen entsprechend, sowie dem Entwicklungsstand der Kinder angepasst werden.

Werte und Normen, Bräuche und Regeln, sowie Tabus sorgen in den Gesellschaften dafür, dass nicht jede Generation von vorne anfangen muss. Je mehr jedoch Überkommenes über Bord geworfen wird und Begrenzungen fallen, desto schwieriger ist es für die Erziehungsberechtigten, Kindern Leitlinien zu geben.

In dieser Umbruchphase befindet sich unserer Gesellschaft. Wie problematisch es ist, mit großen Freiräumen umzugehen, haben Ostdeutsche erlebt, als für sie nach der Wende plötzlich viele Bestimmungen und Regeln wegfielen, die ihnen vorher Halt gegeben hatten. So erging es einer jungen Ostdeutschen, die in den Westen kam und sich durch die große Freiheit so überfordert fühlte, dass sie an Suizid dachte.

Wie viel mehr benötigen Kinder Halt gebende Grenzen, die ihnen Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Erst Schritt für Schritt können sie lernen, mit größerer Freiheit umzugehen und ihrem Leben zukunftsorientiert Ziele zu setzen und diese verantwortungsvoll anzustreben.

Die einzelnen Entwicklungsphasen der Kinder, nach Montessori die sensiblen Perioden, sind die geeignete Richtschnur, aus ihnen Begrenzungen abzuleiten:

Das Auftauchen der ersten Scheidezähne verrät, dass es Zeit ist, dem Säugling feste Nahrung anzubieten. Überlegungen über die zum Wachstum notwendigen Nährstoffe, Vitamine, Ballaststoffe usw. legen eine gesunde Kost nahe, anstelle von Fastfood und Süßigkeiten.

Die Bedeutung von ausreichendem Schlaf für Gesundheit und Wohlergehen von Kindern erfordert es, den Tagesablauf so zu gestalten, dass für rechtzeitiges Zu-Bett-Gehen gesorgt wird. Der Bewegungsdrang der Kinder deutet auf die Notwendigkeit, Kindern ausreichend Gelegenheit zur Bewegung, möglichst im Freien, zu geben, statt sie stundenlang im Auto zu kutschieren oder fernsehen zu lassen. Außerdem ist bekannt, dass Bewegungsmangel die Rechenfertigkeit von Schulkindern erheblich beeinträchtigt. Das Wissen um die größere Verletzlichkeit eines im Wachsen begriffenen Organismus verbietet Tabakkonsum, Alkohol und Drogen für Kinder und Jugendliche. Erkenntnisse über die modellhafte Wirkung von Gewalt erfordern es, den Nachwuchs vor dem Betrachten von Gewaltszenen zu schützen.

Diese Liste notwendiger Begrenzungen lässt sich beliebig erweitern, wenn wir unserer Verantwortung dem Nachwuchs gegenüber ernst nehmen und die dazu notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben. Versäumen Eltern und Pädagogen es, altersgemäß Grenzen zu setzen, so überlassen sie die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen unkontrollierten Einflüssen. In einem Vakuum der Unsicherheit nehmen diese sich beliebige Freiheiten heraus. Mit zunehmendem Alter sind sie dann immer weniger bereit und fähig, für ihre eigene Gesundheit und Bildung Anstrengungen und Einschränkungen durchzuhalten, auf andere Rücksicht zu nehmen und Beitrage für die Gemeinschaft zu leisten. Sie haben keine Frustrationstoleranz entwickelt. Sie pochen darauf, das zu tun, was ihnen viele Erwachsene und vor allem die Medien vorgaukeln, dass man ein Recht habe, nach dem Lustprinzip zu leben. Diese jungen Menschen scheinen sich in der Spaßgesellschaft zu amüsieren. Tatsächlich langweilen sie sich oft und verspielen ihre eigene Zukunft. Sinnvolle Beschäftigungen haben sie nicht gelernt.

Wer vorgibt, für seine Kinder das Beste zu wollen, muss die Konsequenzen ziehen und Kindern Grenzen setzen. Je mehr wir uns von der Notwendigkeit der Grenzsetzung überzeugen, desto einfacher ist die Umsetzung. Wenn z. B. ein Fernzug oder ein Flugzeug erreicht werden muss, so entfallen zermürbende Debatten über das, was notwendiger Weise getan werden muss. Eine Vereinfachung ist durch feste Grenzen auch im normalen Alltag möglich.

Zunächst muss klar sein, welche Beschränkungen und Forderungen wichtig sind, s.o. Wenn es z.B. der Mutter wichtig ist, dass für den wöchentlichen Hausputz die Kinderzimmer aufgeräumt sein müssen, damit der Fußboden für das Staubsaugen frei zugänglich ist, so wird über die Regel „Fußboden frei” nicht diskutiert. Vielmehr wird die Mutter mit den Kindern überlegen, welche Ordnung für jeden in seinem Zimmer hilfreich ist, und wieviel Zeit er/sie dafür vermutlich benötigen wird. Häufig überschätzen Eltern die Fähigkeiten ungeübter Kinder und sind dann enttäuscht, wenn das Ergebnis nicht ihren Erwartungen entspricht. Kritik der Eltern entmutigt die Kinder, die vielleicht ihr Bestes getan hatten. Dann geben beide Seiten auf. Die Kinder haben die Lust verloren und die Eltern stöhnen, weil die Mehrarbeit an ihnen hängen bleibt. Eine gemeinsame Besinnung auf den Fehlschlag und neuerliche Versuche, unterstützt vom Vertrauen der Eltern, kann allmählich zu den gewünschten Erfolgen führen. Ein wöchentlicher Familienrat ist besser als ständige Unzufriedenheit und Nörgeleien.

Natürliche und logische Folgen statt Strafen

Strafen sind weit verbreitete Erziehungsmethoden, weil sie scheinbar schnell wirken. Die Nachteile sind jedoch gravierend: Sie untergraben eine gute Beziehung, verbreiten Angst und verführen Kinder, sich schlaue Wege auszudenken, um Strafen zu entgehen oder sich ein dickes Fell anzuschaffen. Bestrafte Kinder wälzen die Schuld auf andere ab, lügen, rächen sich usw., vor allem aber lernen sie durch Strafen kein sinnvolles Verhalten, was ja wohl der eigentliche Zweck sein sollte.

Logische, sowie natürliche Folgen dagegen helfen den Kindern, Verantwortung für ihr Tun und Lassen zu übernehmen, denn sie erfahren die Konsequenzen ihres Verhaltens. Natürliche Folgen erlebt jeder, der ohne Schirm im Regen geht.

Regeln für logische Folgen

Für logische Folgen/Konsequenzen sind bestimmte Regeln zu beachten: Die logischen Folgen müssen angemessen, mit der Tat verknüpft und respektvoll sein. Von einem Kinde, das ½ Stunde zu spät zum Unterricht kommt, zu verlangen, dass es den Schulhof reinigt, ist eine unangemessene, nicht verknüpfte und nicht respektvolle Strafe. Eine logische Konsequenz wäre, das Versäumte nach Schulschluss nachholen zu lassen. Wenn Kindern von vorne herein bekannt ist, welche Folgen abweichendes Verhalten hat, so können sie selbst entscheiden, ob sie die Konsequenzen in Kauf nehmen wollen. Moralpredigten, oder die Genugtuung: „Habe ich dir das nicht gleich gesagt!” erübrigen sich. Noch besser ist es, wenn Kinder beim Festlegen der logischen Folgen mitbeteiligt werden, weil ihnen dann die Einhaltung der Abmachung wichtig ist. Vereinbarungen werden am besten im regelmäßigen Familienrat und Klassenrat getroffen.

Der Familienrat nach Jane Nelsen

„Halten Sie Familienkonferenzen ab, um Probleme gemeinsam und mit Respekt vor einander zu bewältigen. Sie sind der Schlüssel für eine liebevolle Familienatmosphäre, die den Kindern hilft, Selbstdisziplin, Verantwortungsgefühl, Gemeinschaftsgeist und die Fähigkeit, Probleme zu lösen, zu entwickeln.” Ein angenehmer Rahmen, eine freundliche Atmosphäre, die gegenseitige Wertschätzung stehen am Anfang jedes Treffens, machen den Familienrat zu einem schönen und wichtigen Familienereignis. Obwohl ihm eine hohe Bedeutung zukommt, sollte eine Familie erst damit beginnen, wenn sie sich mit den Methoden von Adler und Dreikurs vertraut gemacht hat. Sonst sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Deshalb wird hier auf Details verzichtet. Diese sind durch das Studium der angegebenen Fachliteratur und durch Seminare zu erwerben.

Der Klassenrat

Der Klassenrat, bzw. Gruppenrat im Kindergarten, funktioniert nach ähnlichen Regeln wie der Familienrat. Er sollte ebenfalls erst nach eingehender Kenntnis individualpsychologischen Methoden abgehalten werden. Die Mitteilung mancher Schulen, die bereits regelmäßig Klassenrat abhalten, ist noch keine Gewähr dafür, dass es für jedes Kind eine Ermutigung bedeutet, und dass das Gemeinschaftsgefühl aller gestärkt wird, was der Sinn des Klassenrats ist.

Das Entwickeln von Gemeinsinn

Das Entwickeln von Gemeinsinn, dem Fundament der Demokratie, ist ein wichtiges Erziehungsziel, das sich u.a. über regelmäßig durchgeführte Familien- und Klassenkonferenzen erreichen lässt. Gemeinsinn zu leben bedeutet, Beiträge zur Gemeinschaft selbstverständlich beizusteuern, sich in andere hineinzuversetzen und die Beiträge anderer zu würdigen. Gemeinschaftsgefühl fördert eine gute Familien- und Klassenatmosphäre und beugt Eifersucht und ungesundem Ehrgeiz vor. Es steigert das Selbstwertgefühl der Einzelnen. Nicht zu unterschätzen ist die lebenssinn-gebende Bedeutung des Solidarbewusstsein, wenn von klein auf an Interesse und Engagement nicht nur für die engsten Kreise von Familie und Schulklasse, sondern darüber hinaus für Umwelt und Gesellschaft in kosmischen Zusammenhängen gefördert wird. Das ist der beste Schutz für Krisenzeiten und auch im Alter vor Empfindungen der Leere und Sinnlosigkeit und damit vor Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen.

Umgang mit dem eigenen Lebensstil und dem der Kinder

Der Wunsch, die richtige Erziehungsmethode anzuwenden, reicht in vielen Fällen nicht aus. Möglicher Weise gibt es unbewusste Hindernisse. Ihr eigener Lebensstil und ihre automatisch ablaufenden Verhaltensmuster können Ihnen im Wege sein. Scheuen Sie sich nicht, problematisches Verhalten zu ergründen und individualpsychologische BeraterInnen oder PsychotherapeutInnen aufzusuchen.

Das Ermutigende bei Beratung und Therapie nach Alfred Adler ist das Wissen um die unbewusste Entwicklung des Lebensstiles in früher Kindheit. Um sich in der komplizierten Welt zu orientieren und einen sicheren Stand zu gewinnen, hat das Vier- bis Sechsjährige seine eigene Sichtweise und Interpretation der Dinge, seine sogenannte private Logik, entwickelt. Auf Grund seiner Erfahrungen in den ersten Lebensjahren weiß es, was es von Ereignissen zu halten hat und wie es erfolgversprechend auf seine Umwelt, vorrangig auf seine Eltern, reagieren und einwirken kann. Entsprechend seiner individuellen Persönlichkeit hat es sich für seinen Lebensstil entschieden. So mag z. B. die Fünfjährige nach vielen Versuchen herausgefunden haben, dass sie sich durch Anpassung vor dem Zorn und der Strafe der Eltern schützen kann. Das zur Gewohnheit gewordene Ja-Sagen, mit dem Ziel, andere freundlich zu stimmen, führt jedoch zu inneren Konflikten und nicht selten zu Depressionen. Der sechsjährige Bruder mag sich in der gleichen Familie, trotz unangenehmer Strafen, für renitentes Verhalten entschieden haben und die Bewunderung seiner Kumpels genießen. Bei Konflikten in der Schule und später im Beruf, sowie im Bekanntenkreis wird er vermutlich, bei Misserfolgen, anderen die Schuld geben. Erst die Aufdeckung seines unbewussten Lebensplanes hilft ihm, seine Verhaltensweisen kritisch zu hinterfragen und zu verändern.

Das Erkennen des Lebensstiles und der unbewussten Motive, die das eigene Handeln bis in die Gegenwart bestimmen, sowie der respektvolle Umgang mit der damaligen Entscheidung des Kindes, entlastet den Heranwachsenden und auch dessen Eltern von Schuldzuweisungen. Wie stark der Lebensstil der Eltern sich beim Umgang mit ihrem Nachwuchs auswirkt, wird an zwei Beispielen deutlich: Eine in ihrer Kindheit überbehütete Mutter wird ihren Kinder wenig zutrauen und ihre Entdeckerfreude unnötig begrenzen. Ein Vater, der am Lesen von Büchern und dem Besuch weiterführender Schulen gehindert wurde, neigt evtl. dazu, seine Kinder mit schulischen Leistungen zu sehr unter Druck zu setzen.

Die Unterstützung durch BeraterInnen oder TherapeutInnen, besonders in Gruppen, wie Adlerinstitute und die ICASSI - Sommerschule sie regelmäßig anbieten, erspart Enttäuschungen bei Selbstversuchen. Das gilt besonders für Eltern, die in ihrer Kindheit, oder auch später, traumatisiert worden sind. Sie übertragen ihre unbewussten Phantasien und Konflikte auf ihre Kinder und behindern deren Entwicklung. Ihnen kann eine Psychotherapie helfen - evtl. eine spezielle Traumatherapie. (Dornes: Der kompetente Säugling, S.207. ff, <www.EMDRIA.de>).

Der Umgang mit dem Lebensstil von Kindern erfordert, neben der kritischen Reflexion der eigenen Motive und Verhaltensweisen, Kenntnisse über die unbewussten Vorgänge im Kind und deren behutsames Aufdecken. Die dazu notwendige Befähigung kann über die angegebenen Schulungen erworben werden.

Wir hoffen, Ihre Neugier und Ihren Mut geweckt zu haben, sich intensiv mit der respektvollen Erziehung nach Alfred Adler und Rudolf Dreikurs zu beschäftigen.